Geschichte des Außenlagers "Wille"
Das KZ-Außenlager bei Rehmsdorf
Im Frühjahr 1944 geriet das Werk der Braunkohle-Benzin AG (BRABAG) in Tröglitz ins Visier alliierter Luftangriffe. Die dadurch entstandenen Schäden führten dazu, dass die nationalsozialistischen Behörden verstärkt auf Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen zurückgriffen, um die Reparaturen und die Wiederinstandsetzung der Fabrikanlagen sicherzustellen. Am 4. Juni 1944 wurde das Männeraußenlager Tröglitz/Rehmsdorf als Teil des Konzentrationslagers Buchenwald eingerichtet. Innerhalb weniger Monate wuchs die Zahl der Häftlinge auf über 5.000 Menschen an, überwiegend ungarische Juden, viele von ihnen noch sehr jung, die zuvor Deportationen aus ihrer Heimat überlebt hatten.
Später wurden Häftlinge aus zahlreichen weiteren Ländern hinzugebracht, darunter Frankreich, Polen, Rumänien, Lettland, Tschechien, die Ukraine, die Niederlande, Belgien und Deutschland. Insgesamt waren während der Lagerexistenz etwa 8.600 Männer dort inhaftiert. Die Einrichtung des Lagers war kein isoliertes Ereignis, sondern Teil eines Netzwerks von Außenlagern und Transportwegen im Burgenlandkreis. Orte wie Gleina, Zeitz oder Naumburg sind eng mit der Geschichte der Deportationen und Zwangsarbeit verbunden. Zusammen zeigen diese Orte die systematische Zerstörung jüdischer Lebenswelten in der Region.
Rehmsdorf markiert einen besonders tragischen Abschnitt dieser Geschichte. Das Lager symbolisiert nicht nur das Leid der Gefangenen, sondern auch die enge Verzahnung von Industrie, Staat und SS im NS-System. Die nationale und lokale Erinnerungskultur betrachtet Rehmsdorf als einen der zentralen Orte, an denen der Schrecken der Zwangsarbeit, Deportation und Ermordung von Juden sichtbar wird. Das Lager ist damit Teil der übergeordneten Erinnerung an die jüdische Geschichte des Burgenlandkreises.
Lebensbedingungen und Alltag
Die Lebensbedingungen im Außenlager Tröglitz/Rehmsdorf waren menschenunwürdig und extrem belastend. Die Häftlinge lebten zunächst in einem provisorischen Zeltlager, das kaum Schutz bot und hygienische Standards vollständig vermissen ließ. Später errichteten sie selbst Steinbaracken, die zwar stabiler waren, aber ebenfalls keine sanitären Anlagen besaßen. Die Unterbringung war extrem beengt, das Risiko von Krankheiten hoch, und die Häftlinge waren den Launen und der Gewalt der Wachmannschaften schutzlos ausgeliefert.
Der Tagesablauf war geprägt von harter körperlicher Arbeit auf dem zerstörten BRABAG-Gelände. Häftlinge mussten Trümmer beseitigen, Reparaturen durchführen und die zerstörten Produktionsanlagen wieder instand setzen. Die Arbeitszeiten waren lang, Pausen rar und die Ernährung völlig unzureichend. Viele Häftlinge überlebten die Strapazen nur wenige Wochen, geschwächt von Unterernährung, Krankheiten und ständiger Gewalt.
Die Zustände in Rehmsdorf spiegeln die Lage in anderen Außenlagern der Region wider. Auch in Zeitz, Gleina oder Naumburg waren jüdische Häftlinge zu Zwangsarbeit gezwungen, lebten unter extrem schlechten hygienischen Bedingungen und hatten keinerlei Möglichkeit, ihr Überleben selbst zu sichern. Das Lager in Rehmsdorf steht damit exemplarisch für die systematische Entrechtung und Ausbeutung jüdischer Menschen im Burgenlandkreis während des Nationalsozialismus.
Häftlinge und Herkunft
Ursprünglich waren rund 200 Männer im Lager untergebracht, doch innerhalb weniger Monate stieg die Zahl auf über 5.000 an. Die Häftlinge kamen aus verschiedenen europäischen Ländern, viele von ihnen jüdisch. Zu Beginn waren es vor allem ungarische Männer, später wurden Männer aus Frankreich, Polen, Rumänien, Lettland, Tschechien, der Ukraine, den Niederlanden, Belgien und Deutschland eingewiesen. Insgesamt waren etwa 8.600 Häftlinge im Lager untergebracht, die alle unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen der SS und der Lagerleitung standen.
Besonders auffällig war die hohe Zahl sehr junger Häftlinge. Jugendliche und Männer im Alter von nur zwölf bis zwanzig Jahren wurden ebenso zur Arbeit gezwungen wie Erwachsene. Viele hatten zuvor bereits Ghettos, andere Konzentrationslager oder Deportationen überlebt. Das Schicksal dieser jungen Menschen ist eng mit der Zerstörung jüdischer Familien und ganzer Gemeinden im Burgenlandkreis verbunden, wie sie auch in Zeitz oder Gleina nachweisbar ist.
Die Häftlinge waren vollkommen entrechtet, isoliert und der Gewalt ausgeliefert. Sie wurden systematisch ausgebeutet und entmenschlicht, was die NS-Ideologie der Vernichtung menschlicher Würde und die industrielle Nutzung von Zwangsarbeit eindrücklich belegt. Rehmsdorf und seine Häftlinge stehen damit exemplarisch für die Grausamkeit des nationalsozialistischen Lagersystems in der Region.
Räumung, Todeszug und Massaker
Am 6. und 7. April 1945 wurde das Lager hastig geräumt, als die Front der Alliierten näher rückte. Rund 3.000 Häftlinge wurden in offene Güterwagen gezwungen und in Richtung Theresienstadt deportiert. Die Evakuierung endete für viele tödlich: mindestens 900 Menschen starben bereits während des Transports. Andere wurden bei Reitzenhain erschossen, nachdem sie versucht hatten zu fliehen, und viele weitere Opfer starben auf den Todesmärschen durch Hunger, Kälte und Erschöpfung.
Insgesamt kamen über 5.800 Häftlinge ums Leben, darunter mindestens 850 im Lager selbst. Die Massaker und Todesmärsche verbanden Rehmsdorf mit anderen Orten der Region, die heute ebenfalls Erinnerungsorte sind, wie Zeitz, Gleina oder Naumburg. Die Evakuierung dokumentiert die systematische Vernichtung jüdischen Lebens, die bis zuletzt planvoll durchgeführt wurde.
Die Ereignisse der Räumung verdeutlichen die Brutalität des NS-Regimes. Sie zeigen, dass Rehmsdorf nicht isoliert, sondern Teil eines größeren Netzes von Lagern, Transportwegen und Todesmärschen war. Die Überlebenden der Deportation mussten weiter kämpfen, während viele andere endgültig dem nationalsozialistischen Vernichtungswillen zum Opfer fielen.
Erinnerung und heutige Bedeutung
Nach dem Krieg blieben Spuren des Lagers sichtbar. Zwei ehemalige Häftlingsbaracken existieren noch heute, wenn auch umgebaut. Bereits 1946 wurde ein Gedenkstein auf dem Friedhof von Rehmsdorf aufgestellt, 1963 folgte ein Denkmal im Ort. Seit 2005 erinnert eine Ausstellung in der Heimatstube Rehmsdorf an die Geschichte des Lagers, mit Tausenden Dokumenten, Fotografien und Zeitzeugenberichten.
Die Erinnerung an Rehmsdorf ist eng mit anderen Orten jüdischer Geschichte im Burgenlandkreis verknüpft. Friedhöfe, ehemalige Synagogenstandorte und Stolpersteine in Zeitz, Gleina oder Naumburg ergänzen das Bild. Zusammen erzählen sie die Geschichte einer jahrhundertelangen jüdischen Präsenz, die durch den Holocaust abrupt zerstört wurde.
Heute mahnt der Ort, Verantwortung zu übernehmen und das Gedenken an die Opfer wachzuhalten. Rehmsdorf ist damit nicht nur ein Zeugnis von Leid und Gewalt, sondern auch ein zentraler Bestandteil der Erinnerungskultur im Burgenlandkreis, die lokale Geschichte mit europäischer Erinnerung verbindet.
Quellen:
- Bliesener, Projektgruppe; Poeck, Projektgruppe; Scheffler, Projektgruppe: Dokumentation zur jüdischen Geschichte in Zeitz, herausgegeben vom Verein zur Förderung der ländlichen Region Süd-Sachsen-Anhalt e.V., 2003.
- Bundeszentrale für politische Bildung: Gedenkstätten für jüdische Opfer des Nationalsozialismus – Rehmsdorf, online unter https://www.bpb.de/themen/holocaust/erinnerungsorte/503271/gedenkstaette-rehmsdorf
- Gemeinde Elsteraue: Gedenkstätte Rehmsdorf – Denkmäler und historische Orte, online unter https://www.gemeinde-elsteraue.de/de/denkmaeler.html
- Jacobs, Reinhard: Erinnerungsorte jüdischen Lebens im Burgenlandkreis, Otto-Brenner-Stiftung, 2001, online unter https://www.otto-brenner-stiftung.de/fileadmin/user_data/stiftung/02_Wissenschaftsportal/03_Publikationen/AH20_Erinnerungsorte_Jacobs_2001_03_14.pdf
- KuLaDig – Kultur.Landschaft.Digital: Objektansicht BKM-44000029: KZ-Außenlager Rehmsdorf, online unter https://www.kuladig.de/Objektansicht/BKM-44000029
- Mitteldeutsche Zeitung: Der Todeszug von Rehmsdorf – Was im April 1945 im KZ-Außenlager Wille geschah, online unter https://www.mz.de/lokal/zeitz/der-todeszug-von-rehmsdorf-was-im-april-1945-im-kz-aussenlager-wille-geschah-1667337
- Museumsverband Sachsen-Anhalt: Gedenkstätte KZ-Außenlager Wille in Rehmsdorf, online unter https://www.mv-sachsen-anhalt.de/museen/suche-nach-museen/gedenkst%C3%A4tte-kz-au%C3%9Fenlager-wille-in-rehmsdorf
- Gedenkstätte Buchenwald: Außenlager Tröglitz/Rehmsdorf – Dokumentation und Archivmaterial, online unter https://aussenlager.buchenwald.de/troeglitz-rehmsdorf